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Der Zehnkampf des Hochschullehrers
Verfasst von kochm unter Universität am 9.3.2010
Das Jahr 2009 war geprägt von einer intensiven Diskussion der aktuellen Universitätsreformen in der Lehre – Stichwort Bachelor/Master. Dabei ging fast unter, dass in den letzten Jahren eine andere Umwälzung an den Universitäten in Gange ist – Stichwort Elitefindung und leistungsgerechte Bezahlung. Zentral dabei ist die Evaluation von Universitäten und Universitätsprofessoren. Und auch wenn da viel über die Qualität von Lehre geschrieben wird, so gibt es an Unis eigentlich nur ein Maß, welches von der Politik gepusht und von den Hochschulleitungen willig übernommen worden ist: Die Menge und Qualität von Veröffentlichungen (nach ganz bestimmten Bewertungsmassstäben / Rankings).
In diesem Zusammenhang wird immer wieder gerne auf den englischsprachigen Raum verwiesen, in dem das ja schon seit langem “erfolgreich” praktiziert wird, und an dem man sich orientieren muss. Wenn man aber etablierte Mitspieler aus dem amerikanischen Hochschulsystem fragt, wie sie die aktuellen Entwicklungen in Deutschland finden (z.B. hinsichtlich Kriterien bei Berufungen), dann hört man von denen, dass das mal wieder “typisch Deutsch” sei. Nirgendwo sonst ist alles so auf eine Kennzahl fokussiert wie bei uns.
Prof. Dr. Peter Mertens von der Universität Erlangen Nürnberg hat sich dieses Themas angenommen und ein sehr schönes Essay dazu verfasst, das er am 9.11.2009 an der WU Wien vorgetragen hat:
zehnkampf-des-hochschullehrers.pdf
Die zehn Disziplinen, die Mertens identifiziert, und von denen häufig leider nur eine massiv als Kennzahl zur Bewertung herangezogen wird, sind:
- Lehre, Betreuung von Studierenden, darunter Beschaffung von Praktikantenplätzen im In- und Ausland
- Erarbeiten von Lehrbüchern und anderen Lehrmaterialien
- Forschung und Ergebnistransfer in die Wissenschaft – Veröffentlichung in wissenschaftlichen Organen, auch international, Kongresse
- Forschung und Ergebnistransfer in die Praxis – Veröffentlichung in Praktikerorganen, Vorträge, (MBA-)Kurse, Kooperationsprojekte, Patente, Lizenzen
- Forschung und Ergebnistransfer in Politik und Gesellschaft – Mitwirkung in Gremien, Politikberatung, Auftritt in Medien
- Standortförderung, Hilfe bei Unternehmensgründung („Spin-offs“) und deren Nutzung für die Ausbildung von Studierenden
- Selbstverwaltung in der Universität
- Selbstverwaltung in der Fachgemeinschaft – Gremien, Herausgeberkreise von Fachzeitschriften, vielfältige Gutachten
- Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses
- Drittmittelakquisition
Ganz vollständig ist diese Liste meiner Meinung nach leider auch noch nicht. Es fehlt mir eine elfte Disziplin, die auch viel Energie und Erfahrung erfordert: “Projekt- und Personalmanagement”. Man könnte argumentieren, dass das doch “nur” ein Unterpunkt zu “10) Drittmittelakquisition” sei. Ich sehe aber einen deutlichen Unterschied zwischen der Akquise von Projekten und deren erfolgreicher und effizienter Durchführung (und des damit verbundenen Zeit/Ressourcen und Personalmanagements).
Interessant finde ich neben der Fokussetzung auf wenige dieser Disziplinen in den Bewertungsmaßstäben auch die Fokussetzung beim Aus- und Weiterbildungsangebot für Hochschullehrer. Wo – ausser vielleicht am guten Vorbild der eigenen akademischen Lehrer – lernt man denn an heutigen Universitäten etwas zu effizientem Management, zu Lehre oder zu gutem Ergebnistransfer in die Praxis und Gesellschaft? Aber das hängt ja zusammen – eine andere Anreizsetzung würde auch zu einer veränderten Nachfrage und einem veränderten Angebot bei diesen Punkten führen.