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Multikonferenz Wirtschaftsinformatik – Tag 2 – Kooperationssysteme
Der zweite Tag der Multikonferenz Wirtschaftsinformatik 2008 stand ganz im Kontext “Kooperationssysteme” – von 9:00 bis 18:30 (mit einer kleinen Unterbrechung für einen eingeladenen Vortrag) fand nämlich die von der Fachgruppe CSCW der Gesellschaft für Informatik organisierte Teilkonferenz “Kooperationssysteme” statt.
Nachfolgend Berichte/Gedanken zu einzelnen Beiträgen – ohne Anspruch auf Vollständigkeit.
Die erste Session begann mit zwei Beiträgen zu Reputationssystemen.
Zuerst präsentierte Herr Botsch von der Uni Karlsruhe eine empirische Analyse von Bewertungskommentaren des Reputationssystms von eBay. Insbesondere hat die Autoren dabei interessiert, in wie weit Angriffe auf Reputationssysteme, speziell Rachebewertungen und die Möglichkeit von Abmahnungen, die Abgabe von Bewertungen beeinflusst. Die Studie (und die Idee dahinter) war u.a. auch der Grund für den Design eines “neuen Bewertungssystems” – einer Verheiratung von klassischen Bewertungssystemen und sozialen Netzwerken, d.h. der Möglichkeit, öffentliche und nur für das eigene Netzwerk sichtbare Kommentare abzugeben. Diese Idee ist auch in “bimply” umgesetzt, einem Dienst zum Tauschen und Teilen von Artikeln und Dienstleistungen.
Im zweiten Beitrag präsentierte Herr Reitzenstein von der Universität Halle-Wittenberg eine Untersuchung der Robustheit von Reputationssystemen durch die Simulation von Angriffen.
Die zweite Session widmete sich Social Software.
Zuerst berichtete Herr Richter aus meiner Gruppe an der Universität der Bundeswehr München über Funktionen von Social Networking Services und stellte zu deren Validierung einige Ergebnisse aus unserer aktuellen Studie zur privaten Nutzung von Social Networking Services in Deutschland vor. Mehr dazu auf www.kooperationssysteme.de.
Dann berichtete Frau Martin von der Universität Hamburg über Crowdsourcing. Sie stellte dabei hauptsächlich verschiedene Beispiele und einen Definitionsansatz/Einordnungsansatz vor.
Crowdsourcing = interaktive Form der Leistungserbringung, die kollaborativ oder wettbewerbsorientiert organisiert ist, eine große Anzahl extrinsisch oder intrinsisch motivierter Akteure unterschiedlichen Wissensstands unter Verwendung moderner IuK-Systeme (Web-basiert) einbezieht. Leistungsobjekt sind Produkte oderDienstleistungen unterschiedlichen Innovationsgrades, welche durch das Netzwerk der Partizipierenden reaktiv aufgrund externer Anstöße oder proaktiv durch selbsttätiges Identifizieren von Bedarfslücken bzw. Opportunitäten entwickelt werden.
Verwandte Konzepte zu denen (konzeptuelle) Unterschiede herausgearbeitet wurden um eine eigenständige Begriffsbildung zu rechtfertigen waren: Open Source, Open Innovation, Interaktive Wertschöpfung.
Herr Richter von der Universität Münster berichtete schließlich über eine Social Network Analyse eines Netzwerks von Politologen (EU Network of Excellence), das sie in der Vergangenheit betreut / IT-mäßig unterstützt haben. Ziel war es dabei über die Erhebung der Beziehungen zwischen den Mitgliedern im Netzwerk herauszufinden, warum die bereitgestellte Unterstützungsplattform nicht bzw. anders genutzt worden ist als geplant.
Wichtiges Ergebnis der SNA war, dass es eigentlich kaum Cliquen im Netzwerk gab, über die verteilte Zusammenarbeit möglich wäre. Das könnte ein Grund dafür gewesen sein, dass die bereitgestellte Plattform nicht zur Kooperation, sondern hauptsächlich zur Koordination genutzt worden ist. Ziel einer (Kooperations-)Plattform für NoE muss also erst mal die “Verdichtung des Netzwerks” sein – z.B. über Social Networking Funktionen – Kooperationsförderung anstelle von Kooperationsunterstützung …
In einem zweiten Vortrag konkretisierte Herr Richter noch die Analyse der Nutzung des bereitgestellten Kooperationssystems HERBIE. Durch Logfileanalyse konnte klar gezeigt werden, dass das Werkzeug nicht für Kooperation, sondern eher für koordinierende Funktionen genutzt wurde, zum Reporting und zur Konferenzorganisation.
Im eingeladenen Vortrag am Nachmittag sprach Dr. Andreas Resch von Bayer Business Services zu “Moderne Führung der IT”.
Er hat damit begonnen drei Aspekte des (firmeninternen) IT-Outsourcings herauszuarbeiten:
- Bedarfsorientierung
- Qualitätsvereinbarung – überraschenderweise schwierig – ITler denken sie wissen was Qualität ist – aber: “Qualität ist das was der Kunde sieht”
- (IT-)Budget? – These: Nicht sinnvoll! – dadurch ist IT nämlich immer der Engpass
Argumentation gegen die Steuerung der IT-Abteilung über IT-Budgets: IT ist nicht unbedingt besser, weil sie weniger Euro pro Benutzer ausgibt (eine häufig verwendete Zieldefinition in der “Budgetwelt”) – es hängt auch davon ab, welche Anforderungen sie wie gut befriedigt.
Für die Steuerung der IT eines Unternehmens gilt “Drive IT as a Business”. Jeder Dienst sollte als Produkt angesehen werden und im Wettbewerb mit dem Markt an die firmeninternen Kunden verkauft werden.
Interessant war in diesem Zusammenhang auch der Ansatz, IT-Dienste mit Administrationsdienstleistungen zu integrierten Fachdiensten zu bündeln. Das bewirkt nämlich, dass die Fachabteilungen keine IT-Spezialisten brauchen um IT-Dienstleistungen “einzukaufen” (Mehraufwand), sondern dass die Fachspezialisten (HR, Accounting) mit entsprechenden Gegenparts in der IT-Abteilung sprechen können.
Noch ein abschliessendes Argument gegen die Budgetsteuerung von IT: Die Budgets werden regelmäßig gekürzt – d.h. man muss im Folgejahr mit z.B. 90% des Vorjahresbudgets auskommen. Das vermittelt die “Aussage”, dass weniger besser ist – was konsequent weitergeführt werden kann zu “Das Optimum wäre nichts” … und das ist schlecht für ein positives Selbstverständnis der IT.
Update: Auch Prof. Matthes berichtet in seinem Blog über den Vortrag.
Multikonferenz Wirtschaftsinformatik – Tag 1 – WI vs IS
Verfasst von kochm unter Konferenz, Universität am 27.2.2008
Nach einem sehr netten Pre-Conference Meeting in der Max-Emmanuel-Brauerei in Schwabing hat am 26.2. an der TUM in Garching die Multikonferenz Wirtschaftsinformatik 2008 begonnen. Nach einer kurzen Einführung durch den Dekan der Fakultät für Informatik der TUM und Prof. Krcmar (kurze Randbemerkung: die “Prabel”rutsche im Informatik-Gebäude hat keine “Ellipsen”form – Prabel- und Ellipsengleichung sind zwar nicht so weit voneinander weg – beides Kegelschnitte ;-) -, aber …) begann die Tagung mit einer Keynote von Prof. König zu Forschungsmethoden in der Wirtschaftsinformatik(ausbildung).
Herr König präsentierte interessante Zahlen zur “Publikationsleistung” deutscher Wirtschaftsinformatiker – Journals und Konferenzen nach “international akzeptierten” Rankings. Und da sieht die deutsche Wirtschaftsinformatik gar nicht gut aus … Die Frage von Herrn König war nun, woran das liegt und ob man was machen will/soll.
In der Motivation am Anfang führte er aus:
Eine Veröffentlichung/wissenschaftliche Arbeit verlangt neben Originalität vor allem eine intersubjektive Nachvollziehbarkeit der Ergebnisse. Dies wird wesentlich durch sauber durchgeführte Forschungsmethoden determiniert.
In der deutschen Wirtschaftsinformatik ist die Methodenausbildung (im Bachelor, Master und während der Promotion) nun weniger ausgeprägt als international üblich. Hier kann ich die Zahlen von Herrn König nur bestätigen – gerade in der Promotionsphase wird nur noch sehr wenig Methodendiskussion/Methodenausbildung angeboten/genutzt.
Wie schließt man nun diese Lücke? Hier die Vorschläge von Herrn König:
- (Master-)Studenten und Doktoranden sollen mehr (wissenschaftliche Papiere) lesen – und das Gelesene diskutieren
- Es soll Forschungsmethoden-Veranstaltungen (im Master aber vor allem für Doktoranden) geben – evtl. im Rahmen eines (potentiell überregionalen) strukturierten Promotionsprogramms/Doktorandenseminare
- Forschungs-Jour-Fixes, Literaturkurse, (mehr) Kooperation mit internationalen Top-Forschern
Die besondere Notwendigkeit einer speziellen methodischen Fundierung motiviert Herr König auch an der Stärke der deutschen Wirtschaftsinformatik – in der Erklärungswelt und der Gestaltungswelt gleichermaßen zu Hause zu sein. Dadurch ergibt sich ein erhöhter Bedarf an methodischer Fundierung.
Diese Besonderheit der deutschen Wirtschaftsinformatik war auch Ausgangspunkt der Diskussion zur Keynote und tauchte im weiteren Verlauf des Tages immer wieder auf – u.a. in der Wissenschaftstheorie/Forschungsmethodik-Teilkonferenz.
Interessant war hier vor allem die Argumentation, dass man sich doch in der deutschen WI nicht an der amerikanischen IS-Community orientieren sollte (sich nur an den IS-Rankings messen sollte). Denn während die deutsche WI erfolgreich ist (steigende Studierendenzahlen, guter Kontakt zur Praxis, Relevanz) ist die IS auf einem absteigenden Ast (sinkende Studierendenzahlen, beinahe kein Kontakt zur Praxis). Es wäre also besser, einen eigenen Massstab für die deutsche WI zu finden.
Hier war die Argumentation dann aber auch, dass eine größere Gestaltungsorientierung der WI zwar die Nicht-Präsenz in den amerikanischen IS-Zeitschriften erklärt, nicht aber eine Nicht-Präsenz in den ACM- und IEEE-Transactions, die ja eher gestaltungsorientiert sind. Stärkere Methodenausbildung bleibt also unabhängig davon wichtig.
Btw: Ein interessanter – wenn auch etwas “amerikanisch” ausgerichteter – Beitrag zu dem Thema ist “Why the old world cannot publish? – Overcoming challenges in publishing high-impact IS research” …
Und noch ein “Schnippsel” aus den Diskussionen im Laufe des Tages: Immer mehr Universitäten greifen die Vorschläge von König schon auf: Einerseits finden sich immer mehr (Master-)Lehrveranstaltungen, in denen die Studierende wissenschaftliche Paper/Bücher lesen müssen und diskutieren können – andererseits bieten immer mehr Universitäten/Fakultäten inzwischen begleitend zur klassischen Promotion Programme zur Methodenausbildung für die Doktoranden an.