Deadline Schuldner und Gläubiger

Deadline Schuldner und Gläubiger

(aus PIK 19 (1996) 2 S. 118-119 (Praxis der Informationsverarbeitung und
Kommunikation, Saur Verlag))

Gemach, gemach, liebe PIK Leser/Innen, es liebt mir fern, die von meinem
Freund Alois Potton früher schon einmal geführte Diskussion um den Wert von
Anglizismen aufwärmen zu wollen. Deshalb können meinetwegen diejenigen, die
sich partout an dem Wort “Deadline” stören, “Termin” oder auch “letzter
Termin” im folgenden einsetzen.

Jeder von Ihnen ist schon mal mit Deadline in irgendeiner Weise konfroniert
worden, beim Abfassen eines Artikels für eine Zeitschrift bzw. für ein
Buch oder beim Halten eines Vortrags auf einer Tagung mit
Proceedings. Klar, dass es Deadlines auch im täglichen Leben gibt, etwas
wenn man beim Zahnarzt einen Termin hat oder der Pfarrer das Brautpaar zur
Trauung erwartet. Wir wollen uns hier allerdings auf Deadline im
Zusammenhang mit Veröffentlichungen beschränken. Irgendwie hat Deadline
auch dann etwas Endgültiges, Unangenehmes, sogar Unerbittliches, rien ne va
plus, nach der Deadline geht – eigentlich per definitionem – nichts
mehr. Doch weit gefehlt, liebe Freunde, für viele Ihrer Kollegen/Innen geht
mit der Deadline die Sache erst richtig los …. So, jetzt aber schön der
Reihe nach …

Zunächst müssen wir mal unterscheiden, ob wir den Deadline aus der Sicht
desjenigen sehen der etwas abzuliefern hat, den nennen wir Deadline
Schuldner (DS); oder umgekehrt, ob wir den Deadline aus der Sicht
desjenigen sehen, der etwas zum Deadline zu erwarten hat, den wollen wir
logischerweise Deadline Gläubiger (DG) nennen.

Beide Sichtweisen sind überraschenderweise konträr, obwohl dasselbe Ziel
verfolgt wird, nämlich einer Arbeit zur Veröffentlichung zu verhelfen. Nun,
trotz dieser etwas ungewöhnlichen Situation könnte man glauben, dass alles
noch überschaubar ist – aber, dieses stimmt leider nicht, die Wirklichkeit
ist viel komplizierter.

Soweit, so schlecht!

Denn die Deadline Schuldner müssen wir wieder grob in diverse Klassen
einteilen. Da gibt es zunächst die Deadline Anfänger (DSA), sie haben in
der Regel einstellige Veröffentlichungstahlen aufzuweisen. Und weil sie
kein Risiko eingehen wollen und sie ja zweistellige Veröffentlichungszahlen
anstreben, trifft ihre Arbeit spätestens einen Tag vor der Deadline
ein. Denn sie sind nicht sicher, ob mit der Deadline der Poststempel des
Absendetags ider der Eingangstag der Arbeit gemeint ist. Diese DSA’s
bereiten jedem DG große Freude, sie machen aber leider nur etwa 5% eines zu
füllenden Heftes/Buches aus.

Von der Klasse der DSA’s sorgfältig zu unterscheiden ist die Klasse der
Deadline Profis (DSP), bei denen man zum einen die DSJP’s (Deadline Junior
Profis mit etwa bis zu 30 Veröffentlichungen) und zum anderen die DSSP’s
(Deadline Senior Profis mit mehr als 30 Veröffentlichungen) hat. DSJP’s
wissen sehr wohl um den Deadline, ohne ihn natürlich so ernst zu nehmen wie
ein DSA. Ein DSJP läßt sich gewöhnlich nur einmal mahnen und liefert dann
aber ohne Murren mit etwa einer Woche Verspätung ab (ansonsten ja der DG
glauben könnte, der DSJP hätte sonst nichts zu tun).

Der DSSP andererseits kennt normalerweise den Deadline nicht, er will ihn
auch nicht kennen. Typischerweise setzt er darauf, dass ihn der DG ab dem
Tage des Deadlines anzurufen versucht (wenn der sich nicht mehr meldet, ist
die Angelegenheit eh vergessen), wobei sich nach langwierigem Hin und Her
der Sekretariate, Unterreichbarkeit des DSSP wegen Sitzungen, Prüfungen,
Verleugnenlassens, letztendlich folgendender Dialog ergibt: “Du glaubst gar
nicht, was ich alles am Hals habe. Aber OK, ich mach das Dir zuliebe, bitte
sag mir den äußersten Termin (Dead-Deadline), wann Du das wirklich (!)
brauchst”. “Gut, bitte liefere am kommenden Freitag ab”. “Laß mir noch das
Wochenende, da kann ich einen halben Tag dafür opfern, auch wenn ich wieder
Ärger zuhause bekomme”. Darauf sucht sich der DSSP einen DSJP, besser noch
einen DSA und mit gewöhlich insgesamt zwei bis drei Wochen Verspätung ist
das Paper (nicht die Arbeit) aus Altbeständen mit Copy und Paste erstellt
und kann dem DG abgegeben werden.

Es gibt selbstverständlich auch die Klasse der Deadline Normalos (DSN). Die
befinden sich sogar dann in der Mehrzahl, wenn die Veröffentlichung im
Zusammenhang mit einem “Call for Papers” steht, ein Überangebot an
Beiträgen zu erwarten ist und man sich für die eigene Karriere noch einen
roten Rock verdienen muß. Der DSN gibt hinreichend rechtzeitig, d.h. ein
bis zwei Tage vor der Deadline bzw. genau am Deadline oder einen Tag danach
ab, schon um die Sache vom Hals zu haben, weil er ja bereits den nächsten
Deadline bedienen will. Allerdings läuft der DSN immer auch in die Gefahr,
langweilig zu sein und nicht gebührend beachtet zu werden. Aus diesem
Grunde rate ich Ihnen dringend (natürlich aus Sicht eines DS), wenn
irgendwie möglich in die Klasse der DSSP’s zu gelangen.

Kommen wir zu den Deadline Gläubigern, den DG’s, auch wenn ich davon
ausgehen kann, dass Sie, liebe(r) PIK-Leser/In in der Mehrzahl den Deadline
Schuldnern zuzuordnen sind. Man kann hier nun in erster Näherung zwischen
den Deadline Puristen (DGP) und den Deadline Flexiblen (DGF)
differenzieren. Ein DGP hält den Deadline um jeden Preis ein, er riskiert
lieber “Nullseiten” (“Zur Zeit der Drucklegung war der Beitrag von Herrn
Hünke noch nicht eingegangen”) als dass er auch nur zwei Tage zugibt. Der
DGP hat mit seiner Methode immer dann Erfolg, wenn es mehr eingereichte als
benötigte Beiträge gibt, ihm sind also die DSN’s und DSA’s höchst
willkommen. Bei eingeladenen Vorträgen (pardon, invited papers) schneidet
sich der DGP aber ganz schön in die Finger, weil er es hier vornehmlich mit
DSSP’s zu tun hat, die ja mit Vorsicht zu genießen sind, wie wir bereits
wissen.

Aus diesem Grund gibt es nun die DGF’s. Ein DGF hat löblicherweise das
Ziel, seine Zeitschrift, sein Buch, seine Proceediungs vollständig zusammen
zu bekommen, deshalb sein flexibles Verhalten. Auf der einen Seite spielt
er mit einer Art gleitender Deadline, auf der anderen Seite sind seine
Spielräume aber durch harte Rahmenbedingungen wie Drucktermine, pünktliches
Erscheinen, usw. geprägt. Der DGF versucht die Quadratur des Kreises: hier
das Zuckerbrot- und Peitschenspiel mit einer undisziplinierten Horde von
Deadline Junior-, Senior- Profis und Ignoranten, die sich in Analogie zum
James Dean Film “Denn sie wissen nicht was sie tun” gegenseitig im
Nichteinhalten der Deadline zu übertreffen versuchen. Dort das Katzbuckeln
vor Druckerei und Verlag, um doch noch einen Tag Karenzzeit
rauszuschinden. Der DGF ist die eigentlich tragische Figur im Spiel von
Deadline Schuldnern und Gläubigern.

Es bleibt ihm eigentlich nur eine Chance sein angeknackstes seelisches
Gleichgewicht wieder in Ordnung zu bringen, nämlich zu warten bis einer
seiner Ex-DSSP’s eine Tagung mit Proceedings plant oder eine neue
Zeitschrift herausgibt. Dann sollte er ein Paper anbieten ….., und was
glauben Sie, wie der den Deadline plötzlich rosig sieht !?

Herzlichst
Ihr Ahn Eremus

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