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Buchkommentar – Die Logik des Misslingens
Nachdem ich auf das Buch schon von mehreren Seiten aufmerksam gemacht worden bin, hat mich der Blog-Beitrag von Florian Matthes endgültig dazu gebracht es zu kaufen: “Die Logik des Misslingens – Strategisches Denken in komplexen Situationen” von Dietrich Dörner
Das Buch beschäftigt sich damit, wie der Mensch in komplexen und vernetzten Handlungssituationen klar kommt – bzw. eher damit wie und warum er nicht damit klar kommt. Z.B.: Man beschäftigt sich mit den einzelnen Knoten und sieht nicht das Netz – man berücksichtigt nicht, dass man in einem System nicht eine Größe allein modifizieren kann, ohne damit gleichzeitig alle anderen zu beeinflussen. Diese Probleme werden sehr schön an verschiedenen (Spiel-)Simulationen gezeigt, mit denen die (Sozial-)Wissenschaft sich diesem Thema nähert.
Der Autor Dietrich Dörner ist Professor für Psychologie mit dem Forschungsschwerpunkt Kognitive Psychologie in Bamberg. In diesem Buch stellt er die Ergebnisse seiner langjährigen empirischen Forschung zum Verhalten von Menschen in komplexen und vernetzten Situationen (der schon erwähnten Simulationen/Planspiele) vor.
Interessant dabei ist vor allem, dass die Probanden in diesen Planspielen (und so vermutlich auch in der Realität) schon in verhältnismäßig einfachen rückgekoppelten dynamischen Systemen große Schwierigkeiten haben.
Dörner argumentiert, dass Probleme auf intrinsische Defizite der menschlichen Kognition zurückzuführen sind, aber durch Erfahrung und Training verbessert werden können.
Insgesamt ein sehr lesenswertes Buch. Durch die vielen Beispiele und die Argumentation wird wirklich klar, dass die “Steuerung komplexer Systeme” eine vom Menschen nur schwer (wenn überhaupt) beherrschbare Kunst ist. Um so mehr Angst macht mir in diesem Zusammenhang die Leichtigkeit (Naivität?) mit der insbesondere Politiker genau mit den Denkfehlern argumentieren, die Dörner aufdeckt! Und dass das mit der Steuerung komplexer Systeme nicht immer im letzten Moment noch rumgebogen werden kann zeigt die Darstellung des Kraftwerkunfalls von Tschernobyl (als Beispiel für die misslungene Steuerung eines komplexen Systems) deutlich.
Buchkommentar – Beauty
Es war mal wieder Zeit meinen Still-to-read Stapel anzugehen – und nach einigen Umschichtungen lag “Beauty” von Sheri S. Tepper oben drauf. Die 412 Seiten brauchten keine 24 Stunden um verschlungen zu werden – allein schon ein Indiz für ein Fünf-Sterne-Buch :-)
Wen schon immer interessiert hat, wie die Märchen Rapunzel, Aschenputtel, Dornröschen und der Froschkönig zusammen hängen und was das ganze mit der Arche Noah zu tun hat, der ist hier genau richtig. Der Roman bietet eine sehr schöne Fantasy-Geschichte, die im späten Mittelalter, im 20. und im 22. Jahrhundert – und dabei sowohl in unserer Welt als auch im Feenreich spielt. Hin und wieder hätte ich mir noch etwas reichhaltigere Beschreibungen gewünscht – das tut dem Spannungsbogen aber keinen Abbruch.
Shery S. Tepper ist sowieso gerade dabei zu meinen anderen Lieblingsautoren (Asimov, Heinlein, Card, Simmons) aufzuschliessen – vor allem wegen dem genialen Werk The family tree. “Beauty” hatte für mich nicht den Zauber von “The family tree” – aber gerade die Vermischung verschiedener Jahrhunderte und verschiedener Märchen hat auch ihren Reiz.
Six Degrees …
Six Degrees of Separation oder Kleine-Welt-Phänomen – hinter diesem Begriff steckt die von Stanley Milgram in den 1960er Jahren aufgestellte These, dass jeder Mensch mit jedem anderen Menschen über maximal sechs Ecken (oder durchschnittlich?) miteinander in Beziehung steht.
Grundlage der Orginalveröffentlichung war ein sehr kleines Experiment mit “sozialer Briefzustellung” in Amerika.
In den letzten Tagen sind mir gleich zwei interessante neue Ergebnisse/Kommentare dazu in die Hände gefallen. So berichtet Robert Basic über eine Studie, die Daten des Microsoft Messenger auswertet (Juni 2006, 30 Milliarden Konversationen zwischen 240 Millionen Personen) – Hier kam raus, dass die durchschnittliche Entfernung 6,6 beträgt … Finde ich eher eine Bestätigung als eine Widerlegung der Ursprungsthese. Ich muss mir unbedingt die Orginalveröffentlichung dazu anschauen.
Eine ausführlicher neuerer Kommentar zum Thema des Kleine-Welt-Phänomens findet sich in “Die ganze Wahrheit über Social Networks” bei macophilia. Unter anderem wird hier auch betont, dass die Six-Degrees nur auf der Eigenschaft sozialer Netzwerke beruhen skalenfrei zu sein (d.h. es gibt Hubs). Dazu wird auch das Buch “Tipping Point” von Malcom Gladwell zitiert.
Gladwell geht in seinem Buch u.a. auf die Informationsübermittlung und Zusammenarbeit in Communities und Netzwerken ein und nennt drei wichtige Typen von Rollen für Mitglieder: Mavens, Salesmen und Connectors. Die Rollen sind sehr hilfreich, wenn es darum geht zu reflektieren, wie der Wissensaustausch in und zwischen Communities funktioniert und welche Unterstützungsmöglichkeiten dafür angeboten werden könnten und sollten.
- Mavens: Mit „maven“ (engl. für „Kenner“) sind die Mitglieder einer Community gemeint, die in einem bestimmten Bereich Expertenwissen besitzen. Das sind z.B. die Personen, die man fragt, wenn man eine Kaufentscheidung treffen will.
- Salesmen: Diese Rolle sorgt dafür, dass die Tipps von Mavens zur Meinung einer größeren Masse von Menschen werden. Salesmen (engl. für „Verkäufer“) besitzen vielleicht kein Expertenwissen, können aber Empfehlungen so begeistert weitergeben, dass sie von den Empfängern gerne aufgenommen werden.
Im Gegensatz zum Maven weiß der Salesman nicht, welche Produkte wirklich unter bestimmten Kriterien die Besten sind. Wenn er aber von einem Produkt begeistert ist (und dazu muss er es noch nicht einmal gekauft haben), dann wird er dies weiter erzählen und seine Begeisterung weitertragen. - Connectoren: Zu guter letzt braucht man noch Personen, die Trends aus einer Community heraus in eine andere tragen. Connectoren sind dazu in verschiedenen Gruppen und wandeln Information aus einer Gruppe in Informationen um, die für die andere Gruppe relevant ist. Das sind also die “Hubs”.
Den Connector macht nicht nur aus, dass er Mitglied in den verschiedenen Gruppen ist, sondern
er muss auch die Fähigkeit haben, Leute und Ideen aus den verschiedenen Bereichen zusammen zu bringen.
Gruban (2001) beschreibt in diesem Zusammenhang folgendes Beispiel: Hat sich durch Mavens und Salesmen in einer Gruppe von Technikbegeisterten herumgesprochen, dass ein bestimmtes Mobiltelefon besonders interessante Funktionen hat, so bleibt diese Information zunächst in dieser Gruppe. Bekommt aber der Connector mit, dass sich in der Theatergruppe jemand ein Mobiltelefon kaufen will, so besinnt er sich auf die Gespräche in der Technikgruppe und empfiehlt demjenigen ein Gerät, das auf seine Anforderungen – im Gegensatz zu den Spielereien, die einem Techniker wichtig sind –passt.
Buchkommentar – Adrenalin Junkies & Formular Zombies
Bei einem meiner Spaziergänge durch einen unserer Buchläden ist mir vor einiger Zeit das Buch “Adrenalin Junkies & Formular Zombies – Typisches Verhalten in Projekten” von Tom DeMarco und anderen (konkret: die “Atlantic Systems Guild”) aufgefallen. Nachdem ich die anderen Bücher von Tom DeMarco zu Softwareengineering und Projektarbeit (konkret: The Deadline/Der Termin, Peopleware oder Slack/Spielräume) mit großen Vergnügen verschlungen habe, landete auch die Neuentdeckung auf meinem Still-to-Read-Stapel …
Mein erster Eindruck nach dem Lesen: zuerst einmal etwas enttäuscht … Das Buch liefert zwar viele interessante Einblicke in (Software-)Projektarbeit und damit auch gute Anregungen, wo man hinschauen oder eingreifen sollte/könnte – aber es fehlt die zusammenhängende, geschichtenartige “Schreibe”, die ich bisher bei Tom DeMarco gewohnt war – und geliebt habe.
Denn das Buch ist kein zusammenhängender Text, sondern eine Sammlung von 86 Mustern, die bei (Software-)Projektarbeit beobachtet werden können. Jedes Muster ist auf einer bis vier Seiten kurz beschrieben. Dabei ist die Qualität (und Lesbarkeit) der Beschreibungen stark unterschiedlich. Weiterhin sind positive, negative und neutrale Muster wild gemischt.
Hier noch die “Muster”, die mir beim Lesen des Buches als besonders lesenswert bzw. erwähnenswert aufgefallen sind – mit ein paar Kommentaren von mir dazu.
7) Manana: “Wir alle verfügen über Zeitfenster, innerhalb derer wir erkennen, dass wir in Gang kommen und dranbleiben müssen, um eine Tätigkeit abzuschließen. Stichtage jenseits dieser Zeitfenster erzeugen kein Gefühl von Dringlichkeit und folglich auch nur eine geringe Motivation, sofort zu handeln.” (S. 19) – “Ausserhalb dieses Wahrnehmungsfensters befindet sich Manana. Manana bedeutet, dass wir zwar grundsätzlich einsehen, dass wir diese Arbeit erledigen müssen, aber nicht begreifen, dass wir umgehend damit beginnen müssen, um rechtzeitig fertig zu sein.” (S. 20).
Die Lösung ist (wie bei vielen der Muster/Probleme) einfach: Zwischenziele definieren, die innerhalb des Zeitfensters liegen. Trotz dieser einfachen Lösungsmöglichkeit wird aber nicht immer (rechtzeitig) erkannt, dass überhaupt ein Problem existiert.
26) Der Versuchsballon: “Bei einem Versuchsballon handelt es sich (…) um einen Lösungsvorschlag, von dem Sie allerdings wissen, dass er unvollkommen und/oder fehlerhaft ist, und den Sie bewusst einsetzen, um von Kollegen oder Kunden Kritik zu bekommen.” (S. 68).
Schöner habe ich die Idee der iterativen Entwicklung, des häufigen Generierens und Diskutierens von Prototypen noch nicht dargestellt gesehen. Dazu passt auch das auf S. 69 abgedruckte Zitat von Albert Schweitzer sehr gut: “Beispiele sind nicht das Hauptmittel um andere zu überzeugen. Sie sind das einzig mögliche Mittel.”.
75) Die Kühlschranktür: “Teammitglieder hängen ihre Arbeitsergebnisse routinemäßig für alle sichtbar aus.” (S. 185).
Hier wird besprochen, was mit Awareness / einem Gewahrsein über die Arbeit der anderen / den Stand der Arbeiten bzw. des Projektes erreicht werden kann. Das passt auch sehr gut zu den in vielen anderen Mustern angesprochenen Problem mit der zu starken (blinden) Konzentration auf in Vorgehensmodellen vorgeschriebenen Dokumenten zur Fortschrittsdokumentation (z.B. Muster 79 Papierfabrik).
Anstelle einer “Kühlschranktür” kann man natürlich auch Medien wie Blogs benutzen – sollte sich aber immer der Vorteile der Kühlschranktür bewusst sein bzw. versuchen sie nachzubilden!
Gut hierzu passt auch das Muster 81 Lagezentrum. Hier wird ein Projektraum empfohlen, der erstens Informationsaustausch und Informationsbewahrung sicherstellt – und dem Projekt einen sichtbaren Wert gibt.
76) Morgen scheint die Sonne wieder …: “Der Projektmanager ist davon überzeugt, dass der durchschnittliche künftige Fortschritt den durchschnittlichen zurückliegenden Fortschritt übertrifft.” (S. 187).
77) Einer geht noch: “Die Beteiligten sichern Unterstützung für ein Projekt zu, blähen es dann aber immer weiter auf, bis das Projekt unter der Eigenlast zusammenbricht.” (S. 190).
83) Aus gehabtem Schaden nichts gelernt …: “Ein Team erkennt seine Fehler, aber wiederholt sie trotzdem.” (S. 203).
In diesem Muster wird ausführlich auf den Aspekt der Lessons-learned eingegangen und auch einige konkrete Tipps zu deren erfolgreichen Durchführung/Implementierung gegeben (S. 205). Erstmal sollten Nachbesprechungen überhaupt abgehalten werden. Dann sollte vermieden werden, dass die Besprechungen nur zum “Dampfablassen” genutzt werden – z.B. nur Beschreibungen von Problemen gesammelt werden, aber keine Handlungsanweisungen zur zukünftigen Begebung.
Buchkommentar – Hackers & Painters
Vor einige Zeit bin ich mal auf “Hackers & Painters – Big Ideas from the Computing Age” von Paul Graham aufmerksam geworden – ich glaube es war wegen des Vergleichs von Computer-Hackern mit Malern – beides “Macher” :-) Als “Möchte-Gern-Hacker/Macher” musste ich mir das Buch natürlich sofort besorgen – und inzwischen ist auch auch nach oben auf meinem Still-to-Read-Stapel vorgerückt und gelesen worden … Hier ein paar Kommentare dazu.
In Kapitel 2 geht der Autor auf Charakteristika von “Hackern” ein – und darauf, dass “Hacking” als schöpferische Tätigkeit viel mit Malen und Schreiben zu tun hat. Hier ein paar Zitate:
- “what hackers and painters have in ommon is that they’re both makers”
- “computer science is a grab bag of tenuously related areas thrown together by an accident of history”
- “Programs should be written for people to read, and only incidentally for machines to execute” (Structure and Interpretation of Computer Programs, Harold Abelson und Gerald Sussman, MIT Press, 1985)
Kapitel 4 ist den Vorteilen von “Web/Server-basierter Software” gegenüber “Client-basierter Software” gewidmet. Sowohl aus Sicht der Benutzer als auch aus Sicht der Firmen, die Software zur Verfügung stellen. Graham schildert am Beispiel seiner Firma Viaweb vor allem den Vorteil des direkten Kontaktes zu den Benutzern als auch der Möglichkeit schnell reagieren und in kurzen Abständen neue Versionen der Software veröffentlichen zu können. Das erinnert doch sehr an die Argumentation rund um Web 2.0 …
In Kapitel 6 geht Graham auf Vermögen/Reichtum (engl. “wealth”) ein. Er hat dazu einiges zu sagen – vor allem:
- Vermögen wird nicht einfach verteilt, sondern geschaffen – wenn also jemand ein Stück Software schreibt, das die Bedürfnisse von Kunden befriedigt (d.h. für das eine Nachfrage existiert), dann wird damit Vermögen geschaffen
In Bezug auf Firmen und Vermögen/Reichtum sagt er deshalb auch: “What most businesses really do is make wealth. They do something people want.”
Interessant sind in diesem Zusammenhang auch seine Ausführungen zur Bezahlung für geleistete Arbeit. Hier sei das Problem, dass in großen Unternehmen nicht festgestellt werden kann, was einzelne Mitarbeiter zum Wertzuwachs beitragen bzw. in wie weit sie für einen Wertzuwachs verantwortlich sind. Dies sei nur in Ausnahmefällen möglich (messbar) – bei Vertriebsmitarbeitern und beim Unternehmensvorstand – oder bei kleinen Unternehmen (Startups). Wenn eine Möglichkeit der “Messung” existiert, dann sieht Graham keine Probleme darin, dass die Gehälter um den Faktor 100 abweichen (vom Unternehmensdurchschnitt). Er führt dazu an, dass auch im alten Rom die Preise für Sklaven je nach Fähigkeiten um den Faktor 50 abgewichen sind (S. 111).
Kapitel 10 – 14 behandelt das Thema Programmiersprachen – mit dem Resumee, dass Java ein toter Pfad der Evolution von Programmiersprachen ist (ein “Neandertaler”), und dass Lisp die mächtigste Programmiersprache ist und sein wird (mit ihren Nachkommen wie z.B. Ruby). Siehe hierzu meine ausführlichen Ausführungen in einem früheren Post.
Kapitel 15 widmet sich schließlich noch dem Thema “Design vs. Research”. Graham zeigt das an dem Beispiel auf, dass er einen neuen Lisp-Dialekt “designed” – nicht aber “research” in Programmiersprachen betreibt. Der Unterschied ist seiner Meinung nach darin, dass man sich beim Design mehr auf den Benutzer konzentriert. Design beginnt mit der Frage, für wen man entwirft und was die Nutzer davon haben. Ein guter Architekt beginnt damit zu klären, was die Benutzer brauchen (nicht was sie wollen!).
Buchkommentar – The Wisdom of Crowds
Im Zusammenhang mit der Diskussion zum Web 2.0 ist auch immer wieder von Crowdsourcing die Rede, also der Idee “Aufgaben innerhalb einer Unternehmung an eine bestimmte / unbestimmte breite Masse von Personen auszulagern, die sich zum größten Teil unentgeltlich einbringen” (Richter/Koch/Krisch 2007).
Folgendes Buch schien mir etwas damit zu tun zu haben: “The Wisdom of Crowds – Why the Many Are Smarter Than the Few” (335 Seiten) von James Surowiecki ;-). Und kurz zusammengefasst kann ich das Buch nur jedem empfehlen, der mehr darüber wissen will, wie Gruppendynamik, Group-Thinking etc. funktioniert. Surowiecki spricht verschiedene Bereiche an, in denen Gruppen zusammen bessere Ergebnisse bringen als Individuen – und thematisiert auch warum es hin und wieder nicht klappt. Neben anderem schreibt er über (Koordination) in Verkehr, (Kooperation) im Sport und in der Wissenschaft, in Unternehmen und in Finanzmärkten.
Überhaupt sind Koordination und Kooperation tragende Themen durch das ganze Buch – und wie Information und Kommunikation sich darauf auswirkt. Ein interessantes Zitat von Surowiecki dazu (S. 137):
Cooperation problems often look something like coordination problems, because in both cases a good solution requires people to take what everyone else is doing into account.
Das klingt doch sehr nach Awareness ;-)
Auch interessant finde ich Surowieckis Aussage zur Nutzung des Potentials der Mitarbeiter in Unternehmen (S. 250):
You do not need a consensus in order, for instance, to tap into the wisdom of a crowd,
Er spielt damit an, dass sich die beteiligten, abgefragten Personen nicht auf eine Antwort einigen müssen – argumentiert sogar, dass es kontraproduktiv ist, wenn man eine Einigung erzwingt.
Schließlich noch eine weitere Aussage des Buches, die mir aufgefallen ist und die ich in diesem “Microcontentmanagement” festhalten möchte (S. 264 aber auch sonst überall):
And coordination and cooperation problems, as we’ve seen throughout this book, are surprisingly susceptible to decentralized solutions. More important, perhaps, is that in many cases the relevant knowledge to deal with a problem is in the heads of the workers dealing with it, not their boss’s. They should have the authority to solve it.
Amazon und Social Software
Verfasst von kochm unter Bücher, Social Software am 7.8.2007
Nein, Amazon hat sein Angebot nicht erweitert und bietet jetzt einen Blog-Hosting-Dienst an. Aber vielleicht sollte Amazon versuchen die Blogosphere besser zu integrieren? Das ist mir gerade aufgefallen, als ich mal wieder einen kleinen Bericht zu einem gerade gelesenen Buch in meinen Blog einstellte. Denn eigentlich würde ich den Bericht auch gerne zu den Rezensionen bei Amazon stellen – aber ohne ihn zu kopieren. Nur bietet Amazon keine Möglichkeit auf eine Rezension in einem Blog zu verweisen – wäre aber doch eine gute Idee? Vor allem, weil Amazon sonst recht fortschrittlich bei der Integration von Social Software Diensten ist. So ist seit kurzem bei Amazon.com mit “Tag this product” eine Möglichkeit vorhanden Produkte zu taggen – Also Social Tagging auf der Amazon Plattform!
Sowohl das Social Tagging als auch die (fehlende) Blog-Integration bei Amazon bringt auch wieder ein ganz anderes Thema auf: Zentrale Infrastrukturen bei Social Software. Social Software Dienste sollten nicht auf einer Plattform isoliert sein, sondern einfach miteinander verknüpfbar und integrierbar sein. Am besten geht das meiner Meinung nach momentan bei den Blogs – die Blogosphere lebt ja von dieser Integration. Noch nicht so weit fortgeschritten ist die Integration beim Social Tagging und vor allem beim Social Networking.
Buchkommentar – Neue Vahr Süd
“Neue Vahr Süd” von Sven Regener ist 2004 erschienen (inzwischen als Taschenbuch im Goldmann Verlag) – und wurde mir von mehreren Seiten empfohlen. Erst hiess es, dass man das Buch lesen sollte, wenn man Bremen kennt – und von anderer Seite hiess es dann, dass man das Buch lesen sollte, wenn man den Grundwehrdienst bei der Bundeswehr abgeleistet hat oder sonst Bezug zur Bundeswehr hat. Nachdem ich sowohl Bezug zur Bundeswehr habe ;-) als auch mal ein Jahr in Bremen verbracht habe also eine doppelte Motivation.
Und ich muss sagen, dass ich nicht bereue, das Buch zur Hand genommen zu haben. Es ist einfach klasse. Regener berichtet von einem 20jährigen Mann – Lehmann – aus Bremen (eben aus dem Stadtteil Neue Vahr Süd), der seinen Grundwehrdienst antreten muss, weil er “versäumt hat zu verweigern”. Die Geschichte berichtet im Wechsel von Lehmanns Erlebnissen bei der Bundeswehr (mit viel Wiedererkennungspotential) und seinen Erlebnissen an den Wochenenden in Bremen (auch mit viel Wiederkennungspotential – Viertel, Ostertorsteinweg, …). Und in beiden Strängen passiert einiges – das ich jetzt nicht unbedingt nacherzählen will.
Neben dem Wachrütteln von Erinnerungen an Bremen und die Bundeswehr bietet das Buch auch gute Unterhaltung (vermutlich sogar für Leser, die weder Bundeswehr noch Bremen kennen) und nebenbei auch noch einen kleinen Einblick in die linke Szene in Bremen Anfang der Achziger. Die Zeit wird super schön anhand kleiner Geschichten beschrieben.
Btw: Zu Letzterem (ein Bild der 1980er) kann ich auch den Film “Am Tag als Bobby Ewing starb” empfehlen – auch ein Werk aus Bremen – und auch echt klasse!
Information, Wissen und Bildung
Die letzten Tage habe ich das Buch “Theorie der Unbildung” von Konrad Paul Liessmann gelesen. Ein echt lesenswertes Essay rund um die Themen Bildung, Bildungspolitik und Bildungsreform (speziell in Hinblick auf die Universitäten). Interessant ist auch Liessmanns Argumentation, dass die heutige “Informationsgesellschaft” eher eine “Desinformationsgesellschaft” ist …
Um seine Argumentation zu stützen geht Liessmann auch auf die Definition der Begriffe “Wissen” und “Information” ein (S27ff). Hierzu ein bisschen mehr.
Sehr schön finde ich die zitierte Definition für “Information” des amerikanischen Systemtheoretikers Gregory Bateson: Information ist “irgendein Unterschied, der bei einem späteren Ereignis einen Unterschied macht” (Gregory Bateson: Ökologie des Geistes. Frankfurt/Main 1983, S. 488). Das erinnert mich stark an die Definition von Shannon – es ist aber viel besser auf die Realität anwendbar. So stellt auch Liessmann aufbauend auf dieser Definition von “Information” die Frage, was von dem, das wir täglich warnehmen (z.B. in den Nachrichten) denn wirklich Information ist, also wirklich geeignet ist, einen “Unterschied bei einem späteren Ereignis” zu machen. Und logisch folgert er, dass fast alles, was wir heute so konsumieren keine Information ist, sondern höchstens Unterhaltung.
Zu “Wissen” schreibt Liessmann, dass es im Gegensatz zur Information nicht eindeutig zweckorientiert sein muss (S. 29). Ob Wissen nützlich ist entscheidet sich nie (selten) im Moment der Aufnahme des Wissens. Ob Wissen nützen kann, ist eine Frage der Situtation in die man gerät – Liessmann nennt dazu auf Seite 29 einige sehr schöne Beispiele. Wie in anderen Definitionen von Wissen unterscheidet Liessmann auch zwischen den Daten, die man im Kopf hat, und dem Wissen, zu dem diese Einzelheiten und Begriffe erst werden, “wenn sie nach logischen und konsistenten Kriterien derart miteinander verknüpft werden können, dass sie einen sinnvollen und überprüfbaren Zusammenhang ergeben”. Liessmann spricht es zwar nicht direkt an, seine Argumentation passt aber zu meiner gerne wiederholten Aussage, dass Wissen eine Problemlösungskompetenz ist, die an einen bestimmten Menschen gebunden ist.
Buchkommentar – Blink
Verfasst von kochm unter Bücher, Social Software am 10.6.2007
Letzte Woche im Zug bin ich mal wieder zum Lesen gekommen – und ganz oben auf meinem Still-To-Read-Stapel lag “Blink – The Power of Thinking Without Thinking” von Malcolm Gladwell.
Auf das Buch gestossen bin ich durch den Autor. Malcolm Gladwell, ein Columnist beim NewYorker, hat ja vor einigen Jahren das in meinen Augen geniale Buch “The Tipping Point” veröffentlicht. In “The Tipping Point” geht er auf die Bedeutung von sozialen Systemen und Netzwerken ein – und präsentiert sowohl für Spezialisten als auch für Laien lesenswert einen Rundumschlag mit vielen kleinen und großen Geschichten. Das Buch sollte eigentlich jeder, der sich mit Sozialen Netzwerken beschäftigt, gelesen haben.
Aber zurück zu “Blink”. In dem Buch wendet sich Gladwell einem anderen Thema zu: der Fähigkeit des Menschen, unterbewusst, in Sekundenbruchteilen, richtige entscheidungen treffen zu können. Wieder präsentiert er einen mit vielen Geschichten gespickten Rundumschlag mit einigen faszinierenden Aussagen. So haben mich insbesondere die Ausführungen darüber fasziniert, wie man die Fähigkeit, unterbewusst zu entscheiden, durch Platzierung von Eindrücken (Schaffung eines unterbewussten Bias) in bestimmte Richtungen beeinflussen kann.
Insgesamt also mal wieder ein sehr lesbares Buch – wenn auch nicht so nah an meinem Hauptarbeitsgebiet dran – in meiner subjektiven Wertung also eindeutig hinter “The Tipping Point” :-)
