“Deutsch fürs Leben – was die Schule zu lehren vergaß” – so heißt ein Buch von Wolf Schneider, das sich letztes Weihnachten auf meinem Geschenketisch fand, und das inzwischen auf meinem Still-to-Read-Stapel weit genug nach oben gekommen war, um Beachtung zu finden.
Und ich muss sagen: Wirklich lesenswert!
Wolf Schneider ist erfolgreicher Autor verschiedener Bücher zu Sprach- und Stillehre. In diesem Buch präsentiert er in der Form von 50 Regeln Tipps und Empfehlungen für den Umgang mit der deutschen Sprache. Darunter findet sich sowohl Altbekanntes in anschaulich aufbereiteter und mit vielen (Negativ-)Beispielen ergänzter Form, als auch wirkliche Neuigkeiten (für mich). Nachfolgend ein paar Dinge, die mir besonders aufgefallen sind.
Die 12-Silben Regel (Regel 18): Ein Autor soll sich hüten, das logisch oder psychologisch Zusammengehörige in einem Satz um mehr als 12 Silben auseinanderzureißen, wie die Grammatik es mittels (geschachtelter) Nebensätze durchaus erlaubt. Warum 12 Silben? Das hat damit zu tun, was der Mensch durchschnittlich in 3 Sekunden ließt und so fähig ist zu speichern.
Ein Negativbeispiel dazu (S. 81): “Mithin wird dieser Streik, der zu vermeiden gewesen wäre, hätte man entweder den Schlichterspruch von 5,4 Prozent bei verlängerter Tariflaufzeit oder das Arbeitgeberangebot von 4,8 Prozent bei erhöhten Sockelbeträgen zu Gunsten der niedrigen Lohn- und Gehaltsstufen akzeptiert, voll auf dem Rücken der Bürger ausgetragen.”
Soweit noch keine Überraschungen. In Regel 27 schlägt Schneider nun aber als eine Lösungsmöglichkeit zu Regel 18 vor, “Die beiden Hälften des Verbums zusammenziehen”. Er spricht das Umklammerungsgesetz an, das ich auch noch aus der Schule kenne: Besteht das Verb aus zwei Hälften, so umklammern diese Hälften das Objekt und die Umstandsangaben. Beispiel: “Ich habe den einzigen Schlüssel zu meinem Auto gestern irgendwo im Wald verloren”. Überraschend für mich war die Aussage, dass man konform zur deutschen Grammatik die beiden Hälften durchaus zusammen ziehen darf. Wir müssen gar nicht schreiben: “Sie wären gerne von ihren goldenen Stühlen aufgestanden”, sondern können schreiben “Sie wären gerne aufgestanden von ihren goldenen Stühlen” (so schreibt auch Heinrich Heine). Und ich habe bisher immer gedacht, ich mache etwas falsch, wenn ich die leichter verständliche Variante wähle.
Interessant auch die Regel 36: “Alle sieben Satzzeichen verwenden”. Jedes richtig gesetzt Komma ist eine Lesehilfe, aber auch die fünf nur sehr selten genutzten Satzzeichen Fragezeichen, Ausrufungszeichen, Doppelpunkt, Semikolon und Gedankenstrich, können helfen, einen Text lesbarer zu machen.
Sehr erhellend fand ich schließlich die Regel 38: “Ziffern sinnvoll einsetzen”. Auch ich hatte irgendwie aus der Schule mitgenommen, dass man Zahlen grundsätzlich ausschreibt, es sei denn sie enthalten ein “und”. Dann darf (bzw. sollte) man sie in Ziffern schreiben. Schneider stellt das etwas differenzierter dar. So ist seine Hauptregel, dass die Verwendung konsistent sein soll. Ein “von 11 auf dreizehn Prozent” soll es in Texten also nicht geben. Auch empfielt Schneider eine gezielte Verwendung der verschiedenen Darstellungsformen um zusammengehörige Zahlen zu kennzeichnen. Ein Beispiel: “Von 19 Ministern sind binnen achtzehn Monaten 9 ausgeschieden” ist besser als “Von 19 Ministern sind binnen 18 Monaten 9 ausgeschieden”.
Insgesamt liefert Schneider ein sehr gut lesbares Buch mit vielen nützlichen Tipps für die tägliche Praxis. Und auch wenn ich sicher noch nicht alles einhalte, was Wolf Schneider empfiehlt, so merke ich inzwischen doch schon, dass ich meine Texte an der ein oder anderen Regel prüfe und verbessere.