Archiv für August, 2010
Buchkommentare Kleiner Bruder und Lost Symbol
Mein letzter Buchkommentar auf diesem Blog ist schon wieder etwas her. Das heisst natürlich nicht, dass ich in der Zwischenzeit nichts (privates) gelesen hätte … So sind unter anderem “Shadow Puppets”, “First Meetings” und “Rebekah” von Orson Scott Card von meinem Still-Too-Read-Stapel ins Bücherregal gewandert. Alles gewohnte Card-Qualität! Besonders spannend ist dabei “First Meetings” in dem u.a. die Zeit vor Ender beschrieben wird, konkret wie sich Enders Eltern kennen gelernt haben. Aber irgendwie hatte ich nicht genug Musse, auch noch etwas dazu zu schreiben.
Im Urlaub habe ich mir nun “Kleiner Bruder” von Sven Regener und
“The Lost Symbol” von Dan Brown vorgenommen.
“Kleiner Bruder” ist der dritte Band der “Herr Lehmann”-Reihe. Diese hat mich gleich von Anfang an fasziniert – ich habe mit “Neue Vahr Süd” angefangen – und nachdem ich einige Zeit in Bremen gelebt habe und auch gewisse Bundeswehrerfahrung hatte, die genauen Beschreibungen von Bremen und vom Grundwehrdienst genossen. “Kleiner Bruder” spielt nun in Berlin und beschreibt das (West-)Berlin der 1980er vermutlich ähnlich gut. Allerdings entfaltet sich das volle Potential vermutlich erst Berlin-Kennern. Das heisst natürlich nicht, dass das Buch nicht auch für Nicht-Berlin-Kenner wie mich lesenswert wäre. Vor allem schließt es die erzählerische Lücke zwischen “Neue Vahr Süd” und “Herr Lehmann”.
“The Lost Symbol” ist das neueste Werk von Dan Brown. Wie “The Da Vinci Code” wird es auch wieder als “extraordinary international bestseller” ausgezeichnet. Und wieder wird Robert Langdon im Freimaurer-Millieu vor Rätsel gestellt – dieses mal in Amerika, konkret in Washington. Das Ganze ist gewohnt spannend geschrieben. So konnte ich nach dem ersten Kapitel das Buch kaum mehr zur Seite legen. Auch die Verflechtung verschiedener Erzählstränge ist dem Autor sehr gut gelungen. Gestört hat mich dabei nur die immer wieder bemühte verbohrte Skepsis des Protagonisten. Er ist doch sonst immer allem Unwahrscheinlichen gegenüber so offen. Dazu passt dieses ewige “das kann nicht sein / das kann es nicht geben” wirklich nicht. Trotzdem bis kurz vor Schluss ein wirklich lesbares Buch. Dann wirkt es aber leider so, als ob dem Autor die Seiten ausgegangen sind – es geht plötzlich alles sehr schnell und löst sich natürlich zum Besten auf. Echt schade, dass Dan Brown hier die begonnen Fäden nicht weiter ausgearbeitet hat.
“Informing challenge” in der Wirtschaftsinformatik
Verfasst von kochm unter Fundgrube, Universität am 3.8.2010
In der Wirtschaftsinformatik wird ja schon seit längerem die Diskussion “rigor vs relevance” geführt. Dazu gehören meiner Meinung nach auch Beiträge wie “Der Zehnkampf des Hochschullehrers” vom Wirtschaftsinformatiker Peter Mertens. Mit den Fallstudienaktivitäten in meiner Gruppe tendiere ich ja auch etwas zum “Relevance-Lager” ;-)
Beim Aufarbeiten meines Still-to-read-Stapels habe ich eben einen sehr spannenden Artikel zu diesem Thema gelesen, den ich hier empfehlen und kurz kommentieren möchte: “Gill G, Bhattacherjee A. Whom are we Informing? Issues and Recommendations for MIS Research from an Informing Sciences Perspective. MIS Quarterly. 2009;33(2):217-235.”
This paper provides an introspective assessment of the current state of management information systems as a research discipline using the “lens” of the informing sciences. Based on this assessment, we observe that the degree to which MIS research is informing its key external clients – practitioners, students, and researchers in other disciplines – has declined over the years. This problem is particularly acute with respect to informing practitioners. Unfortunately, practitioner support may be critical in making up for lost resources caused by declining student enrollments. Despite this dire prognostication, we believe that it is possible to reverse this trend. Drawing upon cognitive science and diffusion of innovations research, we analyze the source of the problem and then present five recommendations aimed at leading MIS journals, scholars, and professional societies for improving the ability of MIS research to engage and inform its external clients.
Der Artikel ist also in einem der Leuchttürme des “Rigor-Lagers”, dem MISQ erschienen. Er behandelt aber die Entwicklungen in der Wissenschaftsdisziplin MIS und der Zeitschrift MISQ sehr kritisch. So thematisiert er insbesondere das Problem, dass MIS (zumindest in den USA) den Kontakt zu den Praktikern verliert. U.a. zeigen die Autoren dies daran auf, an wie vielen MISQ-Artikeln Praktiker beteiligt sind – ein Trend, der nach Hochphasen inzwischen die Null erreicht hat.
Neben der schön geführten Diskussion, die auch auf nationale Unterschiede eingeht und dabei die deutsche Wirtschaftsinformatik besonders herausstellt, gefällt mir an dem Beitrag aber besonders, dass das Problem klarer herausgearbeitet wird als in anderen Beiträgen.
So stellen die Autoren drei Herausforderungen dar, denen sich eine Wissenschaftsdisziplin stellen muss:
- “Research challenge” – Welche Fragen sollen beantwortet werden und wie soll dabei vorgegangen werden?
- “Resource challenge” – Wo bekommt man die Finanzierung her, die für die Forschungsaktivitäten notwendig ist?
- “Informing challenge” – Wie stellt man sicher, dass die Forschungsergebnisse zu den “Kunden” gelangen?
Als Kunden bei der “Informing challenge” werden sowohl Studierende, WIssenschaftler aus anderen Disziplinen als auch Praktiker gesehen. Und bei all diesen Zielgruppen geht die Sichtbarkeit von MIS-Ergebnissen zurück.
Die Autoren argumentieren, dass die “Informing challenge” die am schlechtesten verstandene Herausforderung (in der Wirtschaftsinformatik) ist und dass hier noch viel Arbeit notwendig ist. Fallstudien und die (Weiter-)Entwicklung der Fallstudienmethodik werden als ein Lösungsbeitrag genannt. Und da sind wir wieder am Anfang, d.h. bei (unseren) Aktivitäten wie www.e20cases.org und KoFoBIS. Die Probleme mit Fallstudien zur Gewinnung wissenschaftlicher Erkenntnisse werden inzwischen in verschiedenen Beiträgen diskutiert/relativiert (z.B. in Flyvbjerg B. Five Misunderstandings About Case-Study Research. In: Seale C, Gobo G, Gubrium JF, Silverman D Qualitative Research Practice.Vol 12. London: Sage; 2004:420-434.). Unabhängig davon bleibt aber der Fakt, dass sich Fallstudien und Geschichten allgemein viel besser zur Kommunikation von Erkenntnissen, also zur Adressierung der “Informing challenge” eignen als andere Darstellungen. Da ist zwar noch viel zu tun, aber wir sind wohl auf dem richtigen Weg.