Dokumentierte (CSCW) Misserfolge?


In einer Diskussion am Wochenende bin ich mit einer Kollegin darauf gestossen, dass es zwar sehr viele Fallstudien zu mehr oder weniger erfolgreich eingeführten CSCW-, Wissensmanagement- oder Social Software Projekten gibt – auch wenn da immer noch einiges an interessanter Information fehlt -, wir aber keine aktuellen Fallstudien zu Misserfolgen in diesem Bereich kennen. Dabei könnte man daraus doch besonders viel lernen. Ja, es gibt kurze Berichte dazu, was besonders wichtig ist bei einer Einführung – teilweise auch motiviert durch Misserfolge, bei denen der jeweilige Punkt nicht beachtet worden ist – aber keinen zusammenfassenden Bericht zu einen gescheiterten Projekt mit (vernünftiger) Analyse über die Gründe des Misserfolgs.

Mir ist schon klar, dass es für Firmen nicht unbedingt erstrebenswert ist, sowas veröffentlicht zu haben. Aber für Wissenschaftler sollte es doch attraktiv sein – und notfalls kann man die dahinter stehende Firma ja auch anonymisieren.

Der einzige vernünftige Bericht mit Analyse, der mir einfällt ist der von Grudin zum Misserfolg von Gruppenkalendern mit dem Titel “Why CSCW applications fail” von 1988. Allerdings ist der nicht mehr wirklich aktuell. Grudin selbst stellt 1995 in einem Beitrag mit dem Titel “Why groupware succeeds” dar, dass es in dem Bereich der Gruppenkalender jetzt doch klappt – weil die 1988 dokumentierten Barrieren durch Weiterentwicklung der Technologie und Organisation inzwischen überwunden worden sind.

Eine interessante Basis für einen Erfolgs-/Misserfolgsbericht wäre vielleicht das Wissensmanagementsystem ShareNet bei Siemens. Zumindest der anfängliche Erfolg des Systemes ist sehr, sehr gut dokumentiert. Und inzwischen propagiert Siemens Blogs zum Wissensmanagement in Communities of Practice. Von ShareNet hört man nichts mehr. Das könnte natürlich auch daran liegen, dass es die Organisationseinheit, in der ShareNet eingesetzt worden ist, inzwischen nicht mehr gibt …

Kennt irgendwer der wenigen Leser dieses Blogs ;-) halbwegs gut dokumentierte und diskutierte Berichte zu aktuellen Misserfolgen? Wenn ja bitte her damit!

  1. #1 von Alexander Richter am 6.8.2007 - 17:31

    Ich glaube es liegt in der menschlichen Natur, dass man sich im Nachhinein oftmals nur an die positiven Erfahrungen und Erfolge errinnert und nicht an die vielen negativen Dinge. Einige Beratungen haben (vielleicht deswegen) vor ein paar Jahren den Spieß umgedreht und versuchen nun mit Lektionen die man aus Fehlern gelernt hat, den sog. “lessons learned”, die kritischen Punkte in einer Fallstudie zu betonen. Aber wie Sie schon sagen: Ich glaube nicht, dass UN freiwillig solche “worst practices” rausrücken. http://www.worstpractices.com ist übrigens noch frei. ;-)

  2. #2 von Joachim Uhl am 25.8.2007 - 6:54

    Wirklich gut dokumentierte/diskutierte Berichte sind mir nicht bekannt. Wallace “Groupware: If you build it, they may not come” ist immerhin 10 Jahre älter …. aber mit 1997 auch nicht so brandaktuell. Was ich so gefunden habe, findet sich unter http://www.joachim-uhl.de/2007/08/12/dokumentation-von-misserfolgen-bei-der-einfuhrung-von-cscw-systemen/
    aber bis jetzt ist das auch nicht so wahnsinnig erkenntnisreich.

  3. #3 von kochm am 25.8.2007 - 20:58

    Einen habe ich auch noch: A groupware’s life: “The paper describes a long-term study of a groupware application which covers the complete lifecycle from the groupware’s introduction to its removal.”

  4. #4 von kochm am 25.8.2007 - 21:05

    Und noch ein indirekter Kommentar (per E-Mail) von Volker Wulf:

    “Die Frage der misserfolgsgeschichten in CSCW ist m.E. defizil. Zum einen ist es haeufig nicht ganz einfach zu sagen, was denn ein Erfolg oder ein Misserfolg ist. Haeufig hat man ja Interventionen, die einen Effekt ausloesen – meist aber nicht nur den antizipierten/gewuenschten.

    Ich faende wichtiger als nur Misserfolgsgeschichten eher Langzeitstudien zu Aneignungsprozessen von Technologien sich anzuschauen. Die Frage was dabei dann Erfolg und Misserfolg ist, wird haeufig sehr unterschiedlich aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet.”

(wird nicht veröffentlicht)