Archiv für April, 2007

“Universitäre Lehre als Tragödie”

Michael Lohmann schreibt in seinem gleichnamigen Beitrag in Telepolis über die Probleme heutiger universitärer Lehre (im Kontext der Diskussion um faule Professoren und ungenügend vorbereitete Studierende). Vieles von dem was er beschreibt, kam mir sehr vertraut vor. Besonders interessant finde ich dabei seine Ausführungen zu den “paradoxen Effekten eines hohen Pensums”. Es ist schon etwas dran, dass in einigen (vielen?) Bereichen an der Universität sehr viel zu erbringender Aufwand fest vorgeschrieben ist und dabei die Freiräume zur eigenständigen / selbstmotivierten Beschäftigung mit den Studieninhalten zu kurz kommt (auch hierzu sei Tom DeMarco’s Slack / Spielräume empfohlen). Die Umstellung von Diplomstudiengängen auf das BA/MA-System hilft dabei nicht unbedingt dieser Situation zu entrinnen – im Gegenteil.

Nur was soll man tun? Wie Lohmann richtig sagt, hat der einzelne Dozent wenig Möglichkeiten. Denn wenn er oder sie die fest vorgeschriebenen Aufgaben (Stofffülle) zugunsten von Freiräumen reduziert, dann werden diese sofort von den hohen Aufwänden der anderen Fächer aufgefüllt (und damit “neutralisiert”). Trotzdem bin ich der Meinung, dass es manchen Dozenten (mich eingeschlossen) in “informations/faktenlastigen” Fächern gut täte, die präsentierten Inhalte etwas auszumisten und stattdessen eher Wert auf die Diskussion und damit den Erwerb von Fähigkeiten (Wissen) zu legen – also der Anwendung von grundlegenden Theorien und Methoden in wissenschaftlichem Diskurs – durch möglichst aktive Beschäftigung mit konkreten Aufgaben und Fällen. Die damit für die Studierenden geschaffenen Freiräume müssen eben “geschützt” werden. Der Weg dahin ist nicht nur deswegen schwer. Auf der einen Seite stehen die Studierenden, die zunehmend auf den Konsum von Information (anstelle dem Erwerb von Wissen) ausgerichtet sind. Was fängt man mit einer Vorlesung an, in der an vielen Beispielen aufgehängt ein Konzept an der Tafel entwickelt worden ist? Wie kann man das “abspeichern”? Und auf der anderen Seite fällt es auch den Dozierenden schwer auszuwählen. Es sind doch so viele Fakten wichtig! Ausserdem fehlen gerade im deutschsprachigen Raum vernünftige Lehrmaterialien (z.B. Lehr-Fallstudien oder Simulationen, die es Studierenden erlauben konstruktivistisch an ein Thema heranzugehen).

Ein (Zwischen-)Fazit nach diesen vielen (wirren) Gedanken? Der einzelne (Dozent und Student) kann meiner Meinung nach durchaus Dinge ändern und vielleicht in Bewegung setzen. Aber leicht ist es nicht – und es wird einige Zeit in Anspruch nehmen.

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Ordnung 2.0

In einem Fachartikel in Ausgabe 3/2007 des OBJEKTspektrum schreibt Gernot Starke zu “Ordnung 2.0 – Hilfen für den Info-Dschungel?”. Hintergrund des Beitrags ist die Diskussion der Möglichkeiten, die Software und Betriebssysteme bieten um Ordnung (in Dateien und Mails etc) zu schaffen und die Erkenntniss, dass Betriebssysteme dabei noch nicht den Schritt von einspunktnull zu zweipunktnull gemacht haben. Hier findet man immer noch strenge Hierarchien aus den Vor-Computer-Zeiten des Ordnung-Haltens. Das Konzept des Schlagwortkatalogs (Kategorien, Label, Tags, …) hat sich hier noch nicht durchgesetzt. Zwar bieten “moderne Betriebssysteme” wie MacOS inzwischen Möglichkeiten, Tags für Dateien zu vergeben und dynamische Ordner zu definieren, die alle Dateien mit bestimmten Tag-Kombinationen aufsammeln, es fehlt aber die prominente (d.h. als primäre Schnittstelle) und benutzbare (Ergonomie!!!) Platzierung. Starke schreibt dazu: “Voraussetzung dafür wäre eine robuste und ergonomische Möglichkeit, Etiketten zu vergeben und die zugehörigen Objekte zu finden”. Na hoffen wir mal auf MacOS 10.5 :-))))

Btw: Die Idee, die Dateiverwaltung völlig von hierarchischen Strukturen zu lösen und auf die Basis von Tags zu stellen ist nicht komplett neu. Im CSCW-Bereich wurde schon 1999 von Forschern am Xerox PARC ein System Namens “Placeless Documents” (später umbenannt in “Presto”) vorgestellt (auf der ECSCW-Konferenz 1999 in Kopenhagen), das die hierarchische Speicherung von Dateien komplett über Bord wirft. Nur leider war die Zeit (Technik) damals noch nicht reif genug …

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“Pursuit of Busyness” in Enterprise 2.0

Andrew McAfee von der Harvard Business School schreibt in einem aktuellen Post (und Joe McKendrick kommentiert dazu), dass im Zusammenhang mit Enterprise 2.0 (d.h. dem Einsatz von Social Software im Unternehmen) häufig angesprochen wird, dass Mitarbeiter, die viel in Social Software Anwendungen “rumspielen” nicht genug Zeit für “richtige Arbeit” einsetzen (im Gegensatz zu Nick Carr’s Argumentation, dass vielbeschäftigte Wissensarbeiter sowieso keine Zeit haben zu Social Software Plattformen beizutragen).

Das Argument (zu viel Herumspielen, nicht fleissig genug wirken) wurde schon häufiger angebracht. Und wie McAfee und McKendrick wird meist damit argumentiert, dass es eine Frage der Unternehmenskultur ist. Erfolgreicher Social Software Einsatz in Unternehmen hängt also auf jeden Fall von der “richtigen” Kultur im Unternehmen ab. Vollkommen neu ist das ja auch nicht. Der Umstand, dass eine offene Kultur (Theorie Y der Motivation nach McGregor) notwendig oder zumindest vorteilhaft für einen Erfolg ist hat man auch schon im Zusammenhang mit Groupware-Einführungen und vor allem mit Wissensmanagement allgemein besprochen. Im Endeffekt hat auch der früher von mir kommentierte Crowding-Out Effekt bei intrinsischer Motivation direkt damit zu tun.

Ein sehr empfehlenswertes Buch zu diesem Thema ist “Slack” von Tom DeMarco – oder die deutsche Übersetzung “Spielräume”. Wie der Titel sehr schön wiedergibt, geht DeMarco in dem Werk darauf ein, dass erfolgreiche Unternehmen (bzw. erfolgreiche Organisation allgemein) darauf beruhen (er argumentiert das vor allem am Beispiel Projektarbeit), ihren Mitarbeitern Spielräume / Freiräume zu lassen und nicht alle verfügbare Zeit von vornherein zu 100% zu verplanen. Google hat das beispielsweise sehr gut aufgenommen in dem sie ihren Mitarbeitern 20% der Zeit für eigenen Projekte geben.

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Mensch und Computer 2007

Ich sitze hier gerade auf der Sitzung des Programmkomitees zur Tagung Mensch und Computer 2007, die im September 2007 in Weimar stattfinden wird. Wer die wissenschaftliche Tagung noch nicht kennt: Die Mensch und Computer Tagung ist die Haupttagung des Fachbereichs Mensch Computer Interaktion der Gesellschaft für Informatik und ist 2001 als Verschmelzung der ehemaligen Tagungen Softwareergonomie und Computer-Supported Cooperative Work (Fachgruppe CSCW) entstanden. Hier treffen Designer, Ergonomen, Psychologen und (Angewandte) Informatiker rund um das Thema Mensch und Computer zusammen (Interaktion mit dem Computer, Interaktion zwischen Menschen über Computer). Meiner Meinung nach (und auch von meiner bisherigen Erfahrung auf den Tagungen der Tagungsreihe) eine sehr interessante Mischung. Dazu kommt, dass Weimar und die Bauhausuniversität ein sehr netter Ort für eine Tagung ist :-)

Wir haben heute ein sehr interessantes (breites) Programm guter Beiträge, Systemdemonstrationen, Workshops und Tutorien zusammengestellt – von reinen Ergonomie-Themen über verschiedene Anwendungsbereiche bis hin zu CSCW-Themen wie Awareness in ubiquitären Umgebungen. Unter anderem wird es ein Tutorium und einen Workshop zum Thema Social Software in Unternehmen (Social Software, Enterprise 2.0, Web 2.0, CSCW) geben. Auch ein Doktorandenseminar wird organisiert (mehr dazu sobald es feststeht).

Wer also Anfang September (2.9.-5.9.2007) noch nichts besseres vor hat, der sollte überlegen zu kommen. September wird sowieso ein interessanter Tagungsmonat. Vom 24.9.-28.9.2007 findet nämlich die Europäische CSCW-Konferenz 2007 in Limerick (Irland) statt – eigentlich auch ein Muss – aber dazu später noch mehr.

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Communities vs. Netzwerke – die 2te

Vor einer guten Woche habe ich ausgehend von einem Blog-Eintrag von Danah Boyds darüber kommentiert, dass ich als einen der wichtigen Unterschiede zwischen Web 1.5 und Web 2.0 die Änderung des Fokus von Communities zu Netzwerken sehe. Nun bin ich in meinem “Still-To-Read”-Stapel auf einen anderen Beitrag zu dem Thema gestossen: David Coleman schreibt in CollaborationLoop über Social Networks vs. Online Communities.

Sehr schön finde ich darin das Zitat von Amy Jo Kim zum Unterschied zwischen Communities und Netzwerken – “loose ties vs. strong ties”, “no one misses you in a network; they might if you’re a popular and vocal member of a community”.

Bei der ganzen Diskussion (und vor allem den Charakteristika von Communities vs. Netzwerken, für die Coleman Mayfield zitiert) erscheint mir allerdings, dass man Communities etwas zu sehr “verteufelt”. Es ist sicher nicht so, dass Communities pur “top-down” und “moderator controlled” sind. Trotzdem ist schon ein Körnchen Wahrheit darin, dass Communities (oder Community Plattformen) eher alle Mitglieder unter ein Dach (gemeinsame UI, gemeinsame Begriffe) zwingen, Netzwerke (oder Netzwerk-Anwendungen) den Egoismen der Mitglieder mehr Freiheit lassen – und so vielleicht eher Erfolg haben, die Mitglieder zum Mitmachen zu bewegen. Interessant hierbei ist, dass reine Netzwerk-Plattformen wie Xing immer mehr Community-Elemente (Gruppen, Foren) integrieren. Ob das so gut ist?

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Peer-to-peer Teamraum von Collanos Software

Heute habe ich eine interessante Ankündigung gefunden: Collanos Software hat eine freie Peer-to-Peer Teamraum Anwendung für Windows, MacOS und Linux herausgebracht – Collanos Workplace 1.0.

Auf den ersten Blick erinnert das ganze sehr an Groove (auch P2P, ursprünglich auch mal kostenlos, inzwischen aber von Microsoft aufgekauft und in Microsoft Office integriert) – nur dass Collanos Workplace noch lange nicht so mächtig ist wie Groove. Bisher bietet das Produkt: Presence Awareness (ala ICQ), Instant Messaging, gemeinsame Dateiablagen (inkl. Notizen und Bookmarks), Foren und Tasklisten.

Schade finde ich, dass wir mit diesem Produkt einen weiteren “Groupware-Monoliten” bekommen, d.h. ein Werkzeug, das keinen besonderen Wert auf Schnittstellen zu anderen Werkzeugen legt, sondern alle Funktionalität selber realisiert. Die Zukunft von Groupware liegt meiner Meinung nach dagegen aber in der Interoperabilität, im Integrieren verschiedener Dienste unter einer Oberfläche. D.h. Werkzeuge sollten ihre Inhalte über eine API zur Verfügung stellen und selbst auch andere Dienste/Daten über APIs integrieren können.

Insgesamt macht das Produkt aber trotzdem einen guten Eindruck. Insbesondere die durch den Server-losen Peer-to-Peer Charakter bedingte Fähigkeit damit Offline zu arbeiten. Gerade für spontane, kurzfristige Kooperationsprojekte an wenig organisierten Orten (wie zum Beispiel Universitäten ;-)) sicher eine gute Lösung.

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Motivation und Crowding-Out

Jedem der sich mit Community-Unterstützung oder Social Software beschäftigt hat, ist wohl schon der Begriff der “intrinsischen Motivation” untergekommen – also der Motivation, die nicht durch monetäre oder ähnliche Anreize getragen ist, sondern rein vom Selbst-Interesse der Beteiligten (leicht vereinfacht ausgedrückt). In diesem Zusammenhang steht der Crowding-Out Effekt. Es geht dabei darum, dass bei verstärktem Einsatz von extrinisischen Anreizen wie z.B. Geld die ursprüngliche intrinsische Motivation verdrängt wird und letztendlich nur noch Geld zur Weiterarbeit motivieren kann.

Ich habe gerade einen tollen Artikel zu dem Thema gelesen: Frey, B. S. und M. Osterloh (2002): Motivation – A Dual-Edged Factor of Production. Successful Management by Motivation. B. S. Frey and M. Osterloh (Hrsg.). Berlin: Springer, S. 3-26.

U.a. geben Frey und Osterloh in dem Beitrag einige Beispiele für den Crowding-Out-Effekt an. Besonders fasizierend fand ich “An Old Jewish Fable” aus (Deci & Flaste 1996), in dem ein Händler, der von randalierenden Jugendlichen belästigt wird anfängt diese für die Belästigungen zu bezahlen und dann durch Erniedrigung der Bezahlung erreicht, dass die nun reine extrinsische Motivation abbricht. Oder das Beispiel eines Kindergartens bei dem durch Einführung von Geldstrafen für das zu späte Abholen von Kinden eine Erhöhung der verspäteten Abholungen erreicht wird anstelle des angestrebten Gegenteils.

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Communities vs. Netzwerke

Danah Boyd schreibt in Ihrem Blog zum Titel web 1-2-3 was Sie denkt, dass das Web 3.0 sein wird – bzw. was das Web 3.0 ausmachen wird. Während ich Ihren Gedanken zum Web 3.0 nicht so ganz zustimme (Kunde/Nutzer als Zerstörer?), finde ich Ihre Ausführungen zu der Entwicklung vom Web 1.0 zum Web 2.0 sehr interessant.

Sie spricht davon, dass eine der Änderungen zum Web 2.0 und Social Software der Übergang von Communities (of Practice) zur Netzwerken war. Personen arrangieren sich nicht mehr in Communities (auf Community-Plattformen) sondern agieren erst mal sehr egoistisch (ego-centric) – Sie schreiben persönliche Tagebücher, sie taggen Bookmarks für ihre eigene Verwendung. Erst durch die Vernetzung wird das ganze auch für andere wertvoll. Danah Boyd führt aus, dass es früher klarer Gruppen gab, heute aber “nur noch” Netzwerke in denen zwar Cluster exisitieren, aber kaum abgegrenzte Gruppen. Vielleicht ist es das, was Web 2.0 Systeme erfolgreich gemacht hat? Der fehlende Zwang sich in eine Gruppe einzuordnen bzw. zu sagen, welcher Gruppe man angehört. Giorgio de Michelis von der Universität Milano Bicocca hat schon vor zehn Jahren gesagt, dass der Mensch nicht nur Mitglied in einer Community ist, sondern in mehreren, und dass sich Systeme zur Unterstützung danach richten sollten. Vielleicht ist das bei Web 2.0-Systemen nun der Fall?

Bestätigt sehe ich diese Gedanken auch in einem kürzlich gehörten Vergleich zwischen dem Siemens Wissensmanagementprojekt ShareNet und der aktuellen Mitarbeiter-Blog-Initiative von Siemens. Karsten Ehms von Siemens meinte, dass ShareNet vermutlich deshalb nicht übermäßig erfolgreich war, weil es auf der (ein) Community-Idee basierte. Bei den Blogs sehe man zwar weniger Struktur, dafür aber mehr Drive und Motivation bei den Benutzern.

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